Migräne entstigmatisieren: Warum das wichtig ist
„Es ist doch nur Kopfschmerz – warum machst du so einen Wirbel darum?“
Stellen Sie sich vor, Sie müssen sich immer wieder rechtfertigen: dafür, ob Sie arbeiten können, ob Sie eine Familie haben dürfen – wegen einer Erkrankung, für die Sie nichts können. Und stellen Sie sich vor, man unterstellt Ihnen, Ihre Symptome zu übertreiben oder vorzutäuschen, weil niemand sieht, was in Ihnen vorgeht.
Ciara O’Rourke beleuchtet die Stigmatisierung rund um chronische Migräne* und andere „unsichtbare“ Erkrankungen.
"Ich lebe seit mehr als zwanzig Jahren mit Migräne. In dieser Zeit hatte ich viele verschiedene Jobs und habe viele Menschen kennengelernt. Einige verstehen und akzeptieren, wie sich meine Erkrankung auf meinen Arbeitsalltag auswirken kann – andere leider nicht.
Ich sage oft, dass diese Menschen es ‚nicht verstehen’, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie es gar nicht verstehen wollen. Es ist leicht, etwas abzutun mit Sätzen wie: ‚Es sind doch nur Kopfschmerzen!’ oder ‚Jede und jeder hat mal Kopfschmerzen – übertreib doch nicht so!’
Viele möchten gar nicht hören, wie stark Migräne mein Leben beeinflusst. Sie wollen nicht wissen, dass Kopfschmerzen nur eines von vielen Symptomen einer Migräneattacke sind.
Es ist bequemer, Migräne einfach als Kopfschmerzen abzutun und mich als überempfindlich, faul oder nicht arbeitswillig darzustellen. Im Laufe meines Lebens wurde ich immer wieder mit solchen Vorurteilen konfrontiert."
Das Stigma rund um Migräne ist ein ernstes Problem
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, solche Worte würden an mir abprallen. Das tun sie nicht. Sie bleiben hängen – und sie tun weh. Ich liebe meinen Beruf und arbeite leidenschaftlich gern. Ich gebe mein Bestes, um meine Arbeit nicht von einer Migräneattacke beeinflussen zu lassen, wann immer das körperlich möglich ist – darauf bin ich stolz.
Solche Kommentare gehen mir sehr nahe. Und noch schwerer ist es zu akzeptieren, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ergeht.
Ich habe einige schlechte Erfahrungen gemacht, wie Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte auf meine Erkrankung reagieren. In einem früheren Job war das Arbeitsumfeld so unangenehm, dass ich schließlich kündigen musste – nicht zuletzt, weil es kaum Verständnis für meine Migräneattacken gab.
Ich leide unter chronischen Kopfschmerzen und Migräne* – das bedeutet, ich habe fast täglich Schmerzen, arbeite aber trotzdem weiter. Darüber hinaus treten etwa zwei- bis viermal im Monat schwere Migräneattacken auf - an diesen Tagen bin ich arbeitsunfähig.
Oft kommen diese Attacken nicht aus heiterem Himmel: Sie hängen mit meinem Hormonzyklus zusammen, sodass ich ungefähr abschätzen kann, wann sie auftreten. Deshalb bat ich meine damalige Arbeitgeberin darum, meine freien Tage entsprechend zu planen, um Fehlzeiten zu vermeiden. Doch das war keine ausreichende Lösung.
Bei der Arbeit wurde ich als "Drama-Queen" gesehen

Meine damalige Führungskraft und einige Kolleginnen und Kollegen nahmen mich als„Drama-Queen“ wahr, die „ständig krank“ war. Ich erinnere mich, wie nervös ich war, wenn ich mit meiner Führungskraft darüber sprechen musste – sie begrüßte mich oft mit : „Na, Ciara, schon wieder Kopfschmerzen?“
Diese Haltung führte dazu, dass andere dachten, ich sei kein Teamplayer oder nicht bereit, meinen Teil der Arbeit zu übernehmen. Schließlich kündigte ich, weil ich mit dem ständigen Stigma und dem Unverständnis nicht mehr umgehen konnte.
Diese Erfahrung war sehr belastend, und es hat lange gedauert, bis ich mich davon erholt hatte. Ich finde es wichtig, dass Menschen mit Migräne ihr Leben weiterhin genießen und aktiv gestalten können – daher war es besonders schmerzhaft, sich durch diese Situation so besiegt zu fühlen.
Zum Glück hatte ich später die Chance, eine neue Stelle zu finden – bei einem Arbeitgeber, der Verständnis zeigt. Mein heutiges Team weiß um meine Erkrankung, und ich kann endlich in einem Umfeld arbeiten, in dem ich mich entfalten kann.
Das war jedoch ein langer Weg. Ich habe viel Zeit investiert, um meine Kolleginnen, Kollegen und meine Führungskraft über Migräne und deren Auswirkungen zu informieren. Zum Glück habe ich großartige Kolleginnen und Kollegen, die miterlebt haben, wie eine Migräneattacke aussieht und wie handlungsunfähig ich dann bin.
Es hilft sehr, dass eine andere Kollegin ebenfalls mit Migräne lebt. Wir unterstützen einander – dieses gegenseitige Verständnis bedeutet mir unglaublich viel.
Warum Aufklärung über Migräne und andere „unsichtbare“ Erkrankungen so wichtig ist
Ein großer Teil des Stigmas beruht noch immer auf veralteten Vorstellungen: Viele halten Migräneattacken lediglich für starke Kopfschmerzen – und nicht für die komplexe neurologische Erkrankung, die ihnen zugrunde liegt.1
Zum Glück verbessert sich die Aufklärung langsam. Immer mehr Informationsquellen im Internet tragen dazu bei, diesen Mythos zu entkräften.
Als ich vor über 20 Jahren mit Migräne diagnostiziert wurde, war es sehr schwierig, gute Informationen zu finden. Ich hatte Mühe, meine eigene Erkrankung zu verstehen – und fühlte mich isoliert und allein.
Deshalb freue ich mich heute über Initiativen wie den Migräne- und Kopfschmerzmonat, die Aufmerksamkeit schaffen und über die vielen Facetten dieser Erkrankung informieren. Wohltätigkeitsorganisationen und Fachverbände leisten wichtige Arbeit, indem sie Informationen, Beratung und Unterstützung sowohl für Betroffene als auch für Interessierte anbieten.
Das Leben mit Migräne ist schon herausfordernd genug – der gesellschaftliche Mangel an Verständnis sollte diese Last nicht noch verstärken.
Ein guter Anfang wäre es, Menschen mit Migräne wirklich zuzuhören

Ich hoffe, dass ein offenerer Austausch über Migräne dazu beiträgt, dass die Gesellschaft endlich erkennt: Es geht um weit mehr als „nur Kopfschmerzen“.
Zu meinen Symptomen gehören Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Manchmal dauert eine Migräneattacke bis zu zwei Tage – dann kann ich das Bett kaum verlassen.
Migräne – und das Stigma, das damit verbunden ist – beeinträchtigen mein Berufsleben, mein Privatleben und mein Familienleben. Und ich weiß, dass viele andere ebenfalls auf ganz unterschiedliche Weise betroffen sind.
Lassen Sie uns also so viele Menschen wie möglich über die vielen Gesichter der Migräne informieren – in der Hoffnung, dass dies zu mehr Mitgefühl führt für all jene, die mit dieser Erkrankung leben.
*Chronische Migräne: Kopfschmerz, der über mehr als 3 Monate an 15 oder mehr Tagen/Monat auftritt und der an mindestens 8 Tagen/Monat die Merkmale eines Migränekopfschmerzes aufweist.2
Quellen
[1] Was ist eine Migräne?, (https://www.kopf-klar.de/migraene-verstehen/was-ist-migraene/) (zuletzt aufgerufen am 22.06.2026)
[2] Chronische Migräne, International Headache Society, Online publiziert unter: ichd-3.org/de/1-migrane/1-3-chronische-migraene/ (zuletzt aufgerufen am 22.06.2026)

