Überwindung von Scham, Stereotypen und Medienmythen bei Schizophrenie
Der Umgang mit Stigmatisierung gehört für viele Menschen mit Schizophrenie zu den größten Herausforderungen im Leben mit der Erkrankung. Lesley McCuaig zeigt drei zentrale Ursachen auf: Selbstscham, gesellschaftliche Stereotype und Medienmythen. Sie plädiert für mehr Aufklärung über schwere psychische Erkrankungen und hofft, dass das Teilen ihrer Erfahrungen dazu beiträgt, diese Missverständnisse auszuräumen.
Schizophrenie ist vielleicht die am stärksten stigmatisierte psychische Erkrankung, die man haben kann.
Ich setze mich intensiv dafür ein, über meine Erfahrungen mit Schizophrenie zu sprechen und aufzuklären, um das Stigma rund um diese Krankheit abzubauen. Dabei habe ich festgestellt, dass viele Menschen gar nicht genau wissen, was Schizophrenie eigentlich ist.
Die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie entsteht häufig durch fehlendes Wissen. Menschen neigen dazu, sich vor dem zu fürchten, was sie nicht verstehen – und Schizophrenie kann für Außenstehende oft beängstigend wirken.
Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, meine Geschichte zu teilen und zu zeigen, wie das Leben mit Schizophrenie tatsächlich aussehen kann. Durch das Schreiben und Lesen von Artikeln wie diesem möchte ich dazu beitragen, ein klareres Bild dieser oft missverstandenen Erkrankung zu zeichnen und das damit verbundene Stigma zu verringern.
Schizophrenie-Stigma nach der Erstdiagnose
Bevor ich die Diagnose Schizophrenie erhielt, wusste ich kaum etwas über diese Krankheit. Hätte ich damals schon gewusst, was ich heute weiß, hätte mich die Diagnose vielleicht nicht so stark getroffen.
Selbststigmatisierung ist für viele Menschen mit Schizophrenie eine große Herausforderung. Sie geht oft mit Scham darüber einher, an der Krankheit zu leiden. In meinem Fall erschwerte das Zusammenspiel von gesellschaftlichem Stigma und meiner eigenen Stigmatisierung den Schritt, um Hilfe zu bitten.
Ich schämte mich sehr dafür, dass ich akustische Halluzinationen hatte.
Stereotype über Schizophrenie – was wirklich dahintersteckt
Sozialer Stereotyp 1: "Nur obdachlose Menschen haben akustische Halluzinationen"
Viele Menschen glauben, dass "nur" obdachlose Menschen akustische Halluzinationen aufgrund einer Schizophrenie oder anderen schweren psychischen Erkrankungen erfahren/erleben.
Zwar zeigen Studien, dass psychische Erkrankungen in der obdachlosen Bevölkerung häufiger vorkommen – doch machen obdachlose Menschen nur einen kleinen Teil aller Personen mit Schizophrenie aus. Etwa 1 % der Gesamtbevölkerung lebt mit Schizophrenie, und die große Mehrheit davon ist nicht obdachlos.1,2
Solche Vorstellungen verstärken Stigmatisierung: sowohl gegenüber Menschen mit Schizophrenie als auch gegenüber obdachlosen Menschen. Sie vermitteln den falschen Eindruck, Menschen mit Schizophrenie könnten kein stabiles Leben führen oder ein Zuhause würde die Krankheit verhindern oder heilen.
Sozialer Stereotyp 2: "Akustische Halluzinationen bedeuten immer Schizophrenie"
Forschende schätzen, dass etwa 3 % der Weltbevölkerung irgendwann akustische Halluzinationen erleben. Ein möglicher Grund, der nichts mit Schizophrenie zu tun hat, ist beispielsweise ein Hörverlust.3,4
Auch beim Einschlafen oder Aufwachen kann man akustische Halluzinationen erleben – ein völlig normales Phänomen. Bei Menschen mit Schizophrenie treten sie jedoch häufiger und intensiver auf – etwa 70 % berichten davon.5

Nach der Psychose: Umgang mit belasteten Beziehungen
Reflektieren, erholen, neu aufbauen: Beziehungen nach einer Psychose neu gestalten
Schizophrenie in den Medien: Zwischen Mythen und Realität
Medienmythos 1: Menschen mit Schizophrenie sind gewalttätig
In Medienberichten, Filmen oder Serien wird oft der Eindruck vermittelt, dass Menschen mit Schizophrenie gefährlich seien. Häufig stehen Schlagzeilen über „Gewalttaten durch Menschen mit Schizophrenie“ im Mittelpunkt.
Tatsächlich begehen die meisten Menschen mit psychotischen Erkrankungen keine Gewalttaten. Das Risiko, dass ein psychotisch kranker Mensch eine Gewalttat begeht, ist zwar höher als in der übrigen Bevölkerung, vor allem dann, wenn sich die erkrankte Person in einer akuten psychotischen Phase befindet. Insgesamt betrachtet ist es aber trotzdem verschwindend gering.6 Deutlich wahrscheinlicher ist, dass Menschen mit Schizophrenie selbst Opfer von Gewalt werden oder früher versterben als die restliche Bevölkerung.7
Das Stigma kann gravierende Folgen haben – von sozialer Isolation und geringem Selbstwertgefühl bis hin zu Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder beim Zugang zu Wohnraum. Es kann auch dazu führen, dass Menschen später oder gar nicht die Behandlung suchen, die sie brauchen.
Was ist Schizophrenie also eigentlich? Es handelt sich um eine psychische Erkrankung, die beeinflusst, wie ein Mensch denkt, fühlt oder handelt. Zu den frühen Warnzeichen zählen zum Beispiel das Sehen oder Hören von Dingen, die nicht real sind, ein möglicherweise ungeordnetes Denken (sogenannte positive Symptome) sowie ein mangelnder Antrieb, sich am Alltag und an Aktivitäten des Lebens zu beteiligen (sogenannte negative Symptome).8
Bei der Beschreibung von Schizophrenie-Symptomen hat der Begriff „positiv“ nicht die Bedeutung, die man ihm im Alltag üblicherweise zuschreibt. Positive Symptome kommen zu den normalen Empfindungen einer Person hinzu – etwa Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Negative Symptome hingegen bedeuten, dass bestimmte Aspekte der gewohnten Persönlichkeit verloren gehen oder abgeschwächt sind. Das kann die Motivation, soziale Kontakte und den emotionalen Ausdruck betreffen.8
Medienmythos 2: Schizophrenie ist eine gespaltene Persönlichkeit
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass Schizophrenie und eine sogenannte „gespaltene Persönlichkeit“ dasselbe seien. Das stimmt nicht. Schizophrenie ist keine dissoziative Identitätsstörung.9
Menschen mit Schizophrenie haben eher Schwierigkeiten, Realität und Fantasie zu unterscheiden, Entscheidungen zu treffen oder Emotionen angemessen auszudrücken und zu verarbeiten. Diese Symptome können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.8,9
Fazit
Stigmatisierung kann das Leben einer Person tiefgreifend beeinflussen – sowohl, wie sie sich selbst sieht, als auch, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt.
Um das Stigma der Schizophrenie und anderer schwerer psychischer Erkrankungen abzubauen, lohnt es sich, sich selbst und andere zu informieren. Das kann durch Podcasts, Online-Artikel oder YouTube-Videos geschehen. Wer Kinder hat, kann schon früh über psychische Gesundheit sprechen – Offenheit beginnt im Alltag.
Viele von uns engagieren sich für ein besseres Verständnis und Akzeptanz schwerer psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie. Lassen Sie unsere Bemühungen nicht ungehört verhallen.
Quellen
1 2025_DGPPN_Basisdaten Psychische Erkrankungen.pdf, (https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankungen.pdf) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
2 Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und Wohnungslosigkeit: Ergebnisse einer Sekundärdatenanalyse in einem Berliner Gesundheitszentrum für Obdachlose | springermedizin.de, (https://www.springermedizin.de/zusammenhaenge-zwischen-psychischen-erkrankungen-und-wohnungslos/20370722) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
3 Stimmenhören: Ursache und Diagnose | News | Clienia AG - Führend in Psychiatrie und Psychotherapie, (https://www.clienia.ch/de/news/stimmenhoeren-ursache-diagnose/) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
4 Stimmen hören: Einblicke in ein häufiges Phänomen und den Umgang damit, (https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/stimmen-hoeren-einblicke-in-ein-haeufiges-phaenomen-und-den-umgang-damit-107649164)(zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
5 Viele Menschen mit Schizophrenie hören Stimmen. Wieso?, (https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/viele-menschen-mit-schizophrenie-hoeren-stimmen-wieso) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
6 BPtK Newsletter, (https://api.bptk.de/uploads/B_Pt_K_NL_Psychische_Erkrankungen_und_Gewalt_d5559cbf4d.pdf) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
7 Opfer und Täter - Schizophrenie-Kranke leben gefährlicher als andere, (https://www.deutschlandfunk.de/opfer-und-taeter-schizophrenie-kranke-leben-gefaehrlicher-100.html#:~:text=Deutschlandradio%20%C2%A9%202026%20*%20Partner.%20*%20ARD%7C) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
8 Was ist Schizophrenie / eine schizophrene Psychose? » Krankheitsbild », (https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/schizophrenie-und-schizophrene-psychosen/krankheitsbild/) (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
9 Schizophrenie hat nichts mit einer Persönlichkeitsspaltung zu tun: Neurologen und Psychiater im Netz, https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/ratgeber-archiv/artikel/schizophrenie-hat-nichts-mit-einer-persoenlichkeitsspaltung-zu-tun/ (zuletzt aufgerufen am 29.04.2026)
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